GEGEN DIE UHR

Niels Bubel greift bei der Reinickendorfer Straßenlaufnacht nach
dem Streckenrekord. 120 freiwillige Helfer bereiten ihm die Bühne.
Auch ein Stück seiner Familiengeschichte läuft mit.

WEITER

Läufers Hochgefühl

Warten auf die Siegerehrung. Sein Rekordlauf ist bald eine Stunde her, der Schweiß abgeduscht,
die Herzfrequenz wieder normal. Das Schöne am Laufen: Die Euphorie hält darüber hinaus.
Wie war es, Niels Bubel?

21:45 Uhr. Als die letzten Läuferinnen und Läufer im Ziel sind, darf sich Niels endlich feiern lassen.
Gemeinsam mit den weiteren Sieger/innen nimmt er seinen verdienten Applaus entgegen. Dann löst sich die Menschenmenge langsam auf. Jörg Reibling hilft noch, die Absperrgitter abzubauen, Cirstin und Christoph sind müde – und Niels Bubel sowieso. Er hat seine heutigen Ziele erreicht: Streckenrekord und eine stolze Mama. Das nächste ist schon im Blick: bei der deutschen Marathon-Meisterschaft aufs Podium zu laufen.
Für heute aber wünscht er sich nur noch eines: endlich was Richtiges essen.

 

Ohne Helfer keine Bestzeit

Auf seinem Lauf wird Niels Bubel an 43 Streckenposten vorbeikommen, insgesamt sind 120 Freiwillige
wie die Reiblings rund um die Straßenlaufnacht im Einsatz. Techniker, Koordinatorinnen, an der Startnummernausgabe, der Garderobe und am Wasserstand: Ohne Helferinnen und Helfer keine Straßenlaufnacht, kein Kinderfest, kein Rekordversuch. Ihnen wird niemand im Ziel zujubeln.
Alle arbeiten sie ehrenamtlich. Warum machen die das?

Die Rekordjagd

Niels Bubel schwitzt. Schon kurz nach dem Start hat er sich etwas vom Feld absetzen können, beim Wasserstand nach 5,5 km liegt er komfortabel in Führung. Doch da ist noch sein zweites Rennen,
gegen die Uhr. Hier ist er auf sich gestellt, es fehlt der direkte Vergleich Läufer gegen Läufer.
Bubel weiß: Er muss das jetzt alleine schaffen.

Adrenalin, Anstrengung, Flow

Auf der langen Geraden an der Quickborner Straße sieht Niels links die Lübarser Höhe, rechts vorne die Silhouette des Märkischen Viertels im letzten Abendlicht. Die zweite Hälfte eines Laufs ist die entscheidende – und die anstrengende. Für Brillenträger Niels ist die einsetzende Dunkelheit eine zusätzliche Herausforderung. Reicht die Kraft, reicht die Zeit? Immerhin: Es geht jetzt „zurück“ – und leicht bergab. 
Mit 25 km/h rauscht er an Jörg Reibling bei Kilometer 7 vorbei. Bubel fühlt sich gut, im Flow.

 

Den ersten Tempocheck muss Niels Bubel schon einlegen, bevor der Startschuss fällt. In letzter Sekunde sprintet er über den Marktplatz und reiht sich unter das knapp 300 Menschen starke Läuferfeld. Ganz vorne, wo er auch am Ende stehen will – wer knapp kommt, vermeidet Gerangel. Im Kopf hat Niels jetzt nur noch
eine Zahl: 31:57 Minuten, den aktuellen Streckenrekord. Ihn will er heute schlagen.

„Meine Mutter ist hier, um mich anzufeuern, sie hat mit meiner Schwester im Märkischen Viertel gelebt.

Solche Verbindungen schaffen Emotionen, die am Ende den Unterschied machen können.“

 

– Niels Bubel –

Zehn Paar kaputte Schuhe pro Jahr

Niels Bubel ist Deutscher Meister über 50 km – über die 10 km, die es heute zurückzulegen gilt, deutscher Hochschulmeister. Er trainiert täglich, meist zweimal. 140 km pro Woche kommen so zusammen, zehn Paar durchgelaufene Laufschuhe pro Jahr. Eine Stunde hat Niels sich warmgelaufen, gedehnt, konzentriert, den ganzen Tag nur Bananen und Haferflocken gegessen. Es ist auch ein Rennen seinen Wurzeln entlang: Vor 40 Jahren zog seine Mutter ins Märkische Viertel, hier hat seine Schwester im Sand gebuddelt. Das nimmt er mit auf die Strecke – den Kurs mag er ohnehin.

Die Straßenlaufnacht in Zahlen

Bereits zum 28. Mal veranstaltet der TSV Wittenau die Reinickendorfer Straßenlaufnacht im Märkischen Viertel. Fester Bestandteil sind heute Kinderfest und Kinderläufe: Die jüngsten Teilnehmer haben das Laufen
gerade erst erlernt – oder sind noch dabei.

LAUFDISTANZ

STRECKENREKORD

TEILNEHMER/INNEN

Insgesamt
5 Läufe ab 250 m
für die Kleinsten.

Aufgestellt 2011 von Niels’ Trainingskollege Lennart Sponar.

Mehr als die Hälfte der Startenden sind Kinder und Jugendliche.

 

Ein Volksfest im Märkischen Viertel

Es duftet nach Bratwurst, Ballons steigen und platzen, Kinder laufen durcheinander. Für viele hier ist das begleitende Volksfest mindestens ebenso wichtig wie die Läufe. So auch für Familie Reibling: Der 4-jährige Fiete läuft im „Zwergenlauf“, da sind sie alle: der 15-jährige Christoph als Streckenposten, Mama Cirstin hilft beim Kinderfest. Das strengste Programm hat Papa Jörg: Aufbau, Abbau, Streckenposten auch er – und Maskottchen für die Kinderläufe, in einem riesigen Dinosaurierkostüm.

30 Minuten vorbei. Im Zielbereich läuft die Zeit, gnadenlos, digital und gut sichtbar. 31 Minuten.
Jetzt muss er kommen, soll der Rekord fallen. Niels’ Mama reckt den Hals. Da: Das Begleitfahrrad taucht
aus dem Halbdunkel auf, dann das gelbe Trikot, Startnummer 213. Trommeln setzen ein, der Speaker sucht hektisch nach seinen Notizen. Er ist es, immer noch leichtfüßig – und schnell. Niels' Gesichtszüge lockern sich, die Runde um den Marktplatz ist reine Euphorie. 31 Minuten, 43 Sekunden. Geschafft, Streckenrekord. Abklatschen mit dem Trainer, die Umarmung der Mutter. Der Schweiß läuft aus jeder Pore.

Um 16 Uhr der erste Startschuss: Die ein- bis vierjährigen „Milchzahnathleten“ laufen eine Runde um den Marktplatz: an Mamas Hand, auf Opas Schulter, im Kinderwagen, wunderbares Gewusel. Eine Medaille bekommen alle, wichtiger ist manchem Kind ein Handshake mit dem Dino.

„So ab Kilometer 6 oder 7 kommt die Anstrengung, aber wenn man dann als Führender auf das
Märkische Viertel zuläuft, und man weiß, da vorne
ist das Ziel – das ist das ultimative Laufgefühl.“

 

– Niels Bubel –

Die neue Rekordzeit

14 Sekunden konnte Niels dem bisherigen Rekordinhaber abnehmen,
dem Zweitplatzierten des Abends 4:23 Minuten.

 

EINE PRODUKTION VON

2470corporate

Redaktion
Stephan Bader, Michael Hauri

Text
Stephan Bader

Fotografie und Video
Andreas Graf, Anna Bauer, Lela Ahmadzai

Bildredaktion
Fernando Gutierrez, Daniel Nauck

Gestaltung
Thomas Langheinrich

Animation und Webentwicklung
Fernando Gutierrez, Stephan Fischer

Produzent

Daniel Nauck

Wir bedanken uns bei Niels Bubel, Familie Reibling und dem TSV Berlin-Wittenau
für die freundliche Unterstützung.

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