K olja tritt sein Standbein fest in den Sand des Wurfhügels, blickt geradeaus zum Gegner und hebt zum Wurf an. Dann hält er einen Moment inne. Er weiß, jetzt kommt es ganz auf seine Konzentration an. Die Erwartungen einer ganzen Mannschaft lasten auf ihm, dem Pitcher. Trifft er nicht, könnte es ein schlechtes Omen sein – für das Spiel, die ganze Saison.

Die Flamingos haben sich über die Winterpause akribisch auf die Saison vorbereitet, es wurde hart trainiert, der Platz wurde hergerichtet. Die Tribüne ist gut besucht. Jetzt kann es losgehen, das erste Spiel der Saison, das die Baseballer „Homeopener“ nennen.

Beim Wurf muss der ganze Bewegungsablauf stimmen: vom Bein bis in die Fingerspitzen. Kolja Rocek


Kolja ist im Märkischen Viertel aufgewachsen. Fünf Minuten braucht der 29-jährige Polizist zum Baseball-Platz der Flamingos. Hier nahm er mit neun Jahren zum ersten Mal einen Baseballschläger in die Hand. Seitdem er in der Jugendmannschaft spielt, hat er sich mehr und mehr aufs Werfen konzentriert und sich zu einem erfahrenen Pitcher entwickelt. Seinem Verein ist er dabei immer treu geblieben, denn er fühlt sich wohl im Viertel.


Kolja wirft einen harten Ball, direkt in die sogenannte Strike Zone. Der Gegner mit dem Baseballschläger trifft den Ball aber nicht. Strike! Wenn Kolja dies dreimal in Folge gelingen sollte, hat er einen Strike Out geworfen, der Gegner muss vom Platz.

Der Schläger des Gegners, der sogenannte Batter, muss versuchen Koljas Bälle zu treffen. Wenn ihm das gelingt, darf er seinen Rundlauf übers Spielfeld beginnen. Schafft er es über mehrere Stationen, den sogenannten Bases, zurück zur Schlagposition, fährt er einen Punkt ein. Das will Kolja verhindern, indem er den Ball in immer anderen Varianten in die Strike Zone wirft und dem Batter möglichst keine Chance lässt, den Ball zu treffen.

Alle helfen mit: Vor dem Spiel werden die Linien nachgezogen, der Wurfhügel abgedeckt.

Stadionsprecher Nobert von Waldowski preist das Homeopener Spiel an und ruft alle Spieler per Namen aufs Feld.

Zur Feier des Tages dürfen die jüngsten Spieler des Vereins zur Mannschaftsaufstellung mit auf den Platz auflaufen.

Rituale gehören bei Kolja zu jedem Spiel: So schreibt er sich stets die Nummer seines Mannschaftskollegen Tim auf die Hand.

Im Scorer-Haus werden alle Punkte und Spielzüge mitgezählt. So entstehen detaillierte Statistiken über jeden Spieler.

Yannick Wägner der Flamingos trifft den Ball. Der "Umpire" in Schwarz prüft, ob der Ball in die Strike Zone geworfen wird.

Die Tribüne ist gut besucht. Familie, Freunde und Verwandte unterstützen ihre Teams bedingungslos.

Die Zuschauer werden liebevoll umsorgt. Zur Stärkung gibt es Würste, Sandwiches, Kaffee und Kuchen.

Co-Trainer Alexander Matuschewski führt die Mannschaft. Kolja hält es bei diesem wichtigen Spiel nicht auf der Bank.

Der Baseball-Platz der Berlin Flamingos liegt im Herzen des Märkischen Viertels, direkt hinter dem Märkischen Zentrum.

Ein Verein im Aufbruch

2015 feiern die Flamingos 25-jähriges Vereinsjubiläum. Stück für Stück hat sich der Verein nach vorne gearbeitet. 2010 ermöglichte die großzügige Unterstützung des Bezirksamts die Kompletterneuerung des Platzes. In unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden haben die Vereinsmitglieder außerdem das Scorerhaus und das Vereinshaus saniert. Nun soll der sportliche Durchbruch folgen.


Platzhalter

Zusammenhalt ist das wichtigste. Wir sind wie eine kleine Familie. Kolja Rocek

Noch spielen die Flamingos in der Regionalliga. Doch seit Herbst 2014 herrscht Aufbruchsstimmung. Der Auslöser: Enorbel Márquez Ramirez. Der Star-Pitcher des amtierenden Deutschen Meisters, den Solingen Alligators, ist deutscher Nationalspieler und wurde schon als bester europäischer Pitcher bezeichnet. Seine Verpflichtung als Trainer soll die Flamingos den entscheidenden Schritt voran bringen.

Enorbel Márquez Ramirez kam im Jahre 2004 aus Kuba nach Deutschland und spielte bald für die deutsche Baseball-Nationalmannschaft. Seit 2014 trainiert er die Berlin Flamingos.

25 Jahre Flamingo Park: Schon einmal spielte der Verein aus dem Märkischen Viertel in der 2. Bundesliga. Nun soll dies wieder gelingen.

Meilensteine der Vereinsgeschichte

Die Berlin Flamingos steigen erstmals in die 2. Bundesliga auf. Der Verein kauft eine Tribüne für 150 Zuschauer aus den Beständen der amerikanischen Truppen, die nach der Wende aus Berlin abziehen.

Die Berlin Flamingos beziehen ihre heutige Spielstätte im Märkischen Viertel. Der „Flamingo-Park“ befindet sich direkt hinter dem Märkischen Zentrum.

Komplett-Sanierung des Flamingo Parks: Der Sandplatz, oder „Schotterdom“ wie ihn die Flamingos liebevoll nennen, wird zu einem modernen Rasenplatz umgebaut. Das Bezirksamt Reinickendorf übernimmt die Rechnung von ca. 400.000 Euro.

In mühevoller ehrenamtlicher Arbeit sanieren die Flamingos ein heruntergekommenes Containerhaus und machen es zum Vereinshaus. Auch das Scorerhaus wird grunderneuert.

Der gebürtige Kubaner und Pitcher des Deutschen Meister Solingen Alligators, Enorbel Márquez Ramirez, wird als neuer Cheftrainer und Sportdirektor verpflichtet.

Ausgespielt?

Kolja wirft gut. Aber die gegnerische Mannschaft, ein Absteiger aus der 2. Liga, spielt auf einem anderen Niveau. Ausgerechnet an diesem wichtigen Tag kann Chef-Trainer Enorbel Márquez Ramirez nicht im Flamingo Park sein. Er muss selbst als Pitcher bei den Solingen Alligators in der 1. Bundesliga spielen.

Enttäuschung macht sich bei Kolja breit. Den Saison-Auftakt hatte er sich anders vorgestellt. Es wird noch ein langer Weg bis zum Aufstieg.

Am Ende verlieren die Flamingos das Spiel mit 1:10. Kolja ist enttäuscht. Aber er weiß, seine Mannschaft hat Potential. Mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren ist das Team mit Abstand das jüngste der Liga, in der ein Altersdurchschnitt von 30 Jahren normal ist.

Beim nächsten Training nimmt sich Trainer Márquez Ramirez einzelne Spieler zur Seite. Er spricht mit ruhiger Stimme, aber seine Botschaft ist klar: Mehr Aggressivität, mehr Temperament, das fordert er von seiner Mannschaft. Die Spieler müssten viel abgeklärter agieren. Das junge Team dahin zu bringen, ist das Ziel der Saison. Das Projekt Aufstieg hat begonnen.

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