Lukas Knobel

Per Dampfzug in die brandenburgische Natur

Text
Michael Hauri
Fotografie und Video
Lela Ahmadzai, Hannes Alpen, Fernando Gutierrez, Lina Krivoshieva

Per Dampfzug vom Märkischen Viertel in die brandenburgische Natur? Abiturient Lukas Knobel und die Berliner Eisenbahnfreunde e.V. machen's möglich.

Wo bleibt der Zug? So langsam werden die Passagiere ungeduldig. Aus ganz Berlin sind sie an diesem Sonntagmorgen ins Märkische Viertel gekommen, die meisten eine Viertelstunde zu früh. Denn verpassen will ihn niemand: Die Fahrten auf der Stammstrecke der Heidekrautbahn finden die nur wenige Male im Jahr statt.

Nach 30 Minuten taucht in der Ferne eine gelbe Diesellok auf, dahinter der Dampfzug. Im Führerstand sitzt Kurt Tatzel, der jetzt energisch die Pfeife betätigt. Dass einige Fahrgäste auf den Gleisen herumstehen, scheint ihm gar nicht zu gefallen. Tatzel ist Chef der Berliner Eisenbahnfreunde e.V. und weiß: Am Haltepunkt Wilhelmsruher Damm ist besondere Vorsicht geboten.

„Unsere Personenwagen werden „Donnerbüchsen“ genannt. Je schneller der Zug fährt, desto stärker dröhnen die Wände.“
Kurt Tatzel, Vorsitzender der Berliner Eisenbahnfreunde e.V.

Eine Ahnung, wie sich das Zugfahren in der Vergangenheit angefühlt haben muss, bekommen sie derweil schon unterwegs: Die acht Waggons stammen aus den 1920er-Jahren und bieten Sitzkomfort in drei unterschiedlichen Klassen. Vom entspannten Sitzen können Kurt Tatzel und seine Mannschaft gerade nur träumen. Denn mittlerweile hat sich der Zug in Bewegung gesetzt und Else, die Dampflok, ist hungrig: Bis heute Abend müssen insgesamt 1,5 Tonnen Kohle verfeuert werden.

Ab ins Grüne!

Ihren Namen hat die Heidekrautbahn vom Waldgebiet Schorfheide, dem beliebten Ausflugsziel nördlich von Berlin. Heute fahren die Passagiere bis Basdorf, zum Museum der Berliner Eisenbahnfreunde e.V..

Else haben sich die Berliner Eisenbahnfreunde für den heutigen Tag geliehen. Der Grund: Ihre eigene Dampflok, die Ampflwang, muss erst wieder vom TÜV zugelassen werden. Rund 350.000 Euro wären dafür nötig – Geld, das der Verein momentan nicht hat. Deshalb stehen Tatzel und seinen Freunde vor einer schwierigen Entscheidung. Aber dazu später mehr. Denn im Zug müssen jetzt erst einmal die Fahrkarten kontrolliert werden.

Dampflok Else in Zahlen

Die bewegte Geschichte der Heidkrautbahn. Wie geht es weiter?

Angekommen in Basdorf, nutzen viele Passagiere die Pause für einen Besuch des Heidekrautbahnmuseums. Spätestens hier wird jedem klar: Die Zukunft dieser Bahn stand schon häufig auf dem Spiel. Oft aber eröffneten sich in der Krise auch neue Perspektiven.

Mit ihrem Herzblut und vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit tragen Lukas Knobel, Kurt Tatzel und etwa 25 weitere aktive Vereinsmitglieder dazu bei, dieses Stück Berliner Eisenbahngeschichte erlebbar zu machen. Ob sie die Dampffahrten auch in Zukunft anbieten können, hängt davon ab, ob bald wieder eine eigene fahrtaugliche Lokomotive zur Verfügung steht.

 

Die Eisenbahnfreunde müssen sich entscheiden: Halten sie an der Ampflwang fest, die sie so lange gepflegt haben und mit der sich so manch schöne Erinnerung an romantische Ausflüge verbinden lässt? Oder steigen sie um auf eine andere Lok, die sich zwar technisch auf die nötigen Standards aufrüsten lässt, dafür aber im Betrieb teurer ist? "In einem Jahr werden die Würfel gefallen sein", prognostiziert Kurt Tatzel schmunzelnd. Er scheint mehr zu wissen, als er im Moment preisgeben möchte.

Und Lukas? Auf ihn werden sich die Berliner Eisenbahnfreunde e.V. verlassen können: Er will Verkehrswesen studieren und nebenbei den Lokführerschein machen. Schon jetzt steht er praktisch jeden Samstag im Depot und hilft, die Fahrzeuge auf Vordermann zu bringen.

Mehr Informationen, Fahrpläne und Tickets finden Sie hier 

„Vertraute Geräusche hören, eintauchen in eine andere Zeit, die ganze Welt hinter sich lassen – eine Fahrt mit dem Dampfzug ist Entschleunigung pur.“
Lukas Knobel

Lukas und die Lokomotiven

Vor wenigen Tagen erst hat er die letzte Abiturprüfung geschrieben. Jetzt hilft Lukas Knobel bei den Eisenbahnfreunden als Schaffner mit. Die altmodischen Papp-Fahrkarten haben es ihm schon als kleinem Jungen angetan.

Aufgewachsen im Märkischen Viertel, war Lukas als Kind fast bei jeder Fahrt des Museumszugs dabei. Der Haltepunkt lag quasi vor der Haustüre, die gestempelten, rosafarbenen Tickets sammelte er in einer großen Tasse. Heute ist Lukas selbst der Schaffner. Wenn er eine Fahrkarte locht und seinen Zangenabdruck hinterlässt, tut er das nicht ohne Stolz. Irgendwann, so sein Plan, wird er selber den Dampfzug fahren. Und das auf einer Strecke, die lange mehr war als ein Hobby für Eisenbahnbegeisterte.