Zur Navigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen Zum Fußbereich springen
Niels Bubel

Gegen die Uhr

Text
Stephan Bader
Fotografie und Video
Andreas Graf, Anna Bauer, Lela Ahmadzai

Niels Bubel greift bei der Reinickendorfer Straßenlaufnacht nach dem Streckenrekord. 120 freiwillige Helfer bereiten ihm die Bühne. Auch ein Stück  seiner Familiengeschichte läuft mit.

Läufers Hochgefühl

Warten auf die Siegerehrung. Sein Rekordlauf ist bald eine Stunde her, der Schweiß abgeduscht,
die Herzfrequenz wieder normal. Das Schöne am Laufen: Die Euphorie hält darüber hinaus.
Wie war es, Niels Bubel?

21:45 Uhr. Als die letzten Läuferinnen und Läufer im Ziel sind, darf sich Niels endlich feiern lassen.
Gemeinsam mit den weiteren Sieger/innen nimmt er seinen verdienten Applaus entgegen. Dann löst sich die Menschenmenge langsam auf. Jörg Reibling hilft noch, die Absperrgitter abzubauen, Cirstin und Christoph sind müde – und Niels Bubel sowieso. Er hat seine heutigen Ziele erreicht: Streckenrekord und eine stolze Mama. Das nächste ist schon im Blick: bei der deutschen Marathon-Meisterschaft aufs Podium zu laufen.
Für heute aber wünscht er sich nur noch eines: endlich was Richtiges essen.

Ohne Helfer keine Bestzeit

Auf seinem Lauf wird Niels Bubel an 43 Streckenposten vorbeikommen, insgesamt sind 120 Freiwillige wie die Reiblings rund um die Straßenlaufnacht im Einsatz. Techniker, Koordinatorinnen, an der Startnummernausgabe, der Garderobe und am Wasserstand: Ohne Helferinnen und Helfer keine Straßenlaufnacht, kein Kinderfest, kein Rekordversuch. Ihnen wird niemand im Ziel zujubeln.
Alle arbeiten sie ehrenamtlich. Warum machen die das?

Die Rekordjagd

Niels Bubel schwitzt. Schon kurz nach dem Start hat er sich etwas vom Feld absetzen können, beim Wasserstand nach 5,5 km liegt er komfortabel in Führung. Doch da ist noch sein zweites Rennen,
gegen die Uhr. Hier ist er auf sich gestellt, es fehlt der direkte Vergleich Läufer gegen Läufer.
Bubel weiß: Er muss das jetzt alleine schaffen.

Adrenalin, Anstrengung, Flow

Auf der langen Geraden an der Quickborner Straße sieht Niels links die Lübarser Höhe, rechts vorne die Silhouette des Märkischen Viertels im letzten Abendlicht. Die zweite Hälfte eines Laufs ist die entscheidende – und die anstrengende. Für Brillenträger Niels ist die einsetzende Dunkelheit eine zusätzliche Herausforderung. Reicht die Kraft, reicht die Zeit? Immerhin: Es geht jetzt „zurück“ – und leicht bergab. 
Mit 25 km/h rauscht er an Jörg Reibling bei Kilometer 7 vorbei. Bubel fühlt sich gut, im Flow.


Den ersten Tempocheck muss Niels Bubel schon einlegen, bevor der Startschuss fällt. In letzter Sekunde sprintet er über den Marktplatz und reiht sich unter das knapp 300 Menschen starke Läuferfeld. Ganz vorne, wo er auch am Ende stehen will – wer knapp kommt, vermeidet Gerangel. Im Kopf hat Niels jetzt nur noch eine Zahl: 31:57 Minuten, den aktuellen Streckenrekord. Ihn will er heute schlagen.

„Meine Mutter ist hier, um mich anzufeuern, sie hat mit meiner Schwester im Märkischen Viertel gelebt. Solche Verbindungen schaffen Emotionen, die am Ende den Unterschied machen können.“
Niels Bubel

Zehn paar kaputte Schuhe im Jahr

Niels Bubel ist Deutscher Meister über 50 km – über die 10 km, die es heute zurückzulegen gilt, deutscher Hochschulmeister. Er trainiert täglich, meist zweimal. 140 km pro Woche kommen so zusammen, zehn Paar durchgelaufene Laufschuhe pro Jahr. Eine Stunde hat Niels sich warmgelaufen, gedehnt, konzentriert, den ganzen Tag nur Bananen und Haferflocken gegessen. Es ist auch ein Rennen seinen Wurzeln entlang: Vor 40 Jahren zog seine Mutter ins Märkische Viertel, hier hat seine Schwester im Sand gebuddelt. Das nimmt er mit auf die Strecke – den Kurs mag er ohnehin.

 

Die Straßenlaufnacht in Zahlen

Bereits zum 28. Mal veranstaltet der TSV Wittenau die Reinickendorfer Straßenlaufnacht im Märkischen Viertel. Fester Bestandteil sind heute Kinderfest und Kinderläufe: Die jüngsten Teilnehmer haben das Laufen gerade erst erlernt – oder sind noch dabei.

LAUFDISTANZ
Insgesamt 5 Läufe ab 250 m

STRECKENREKORD
Aufgestellt 2011 von Lennart Sponar - einem Trainingskollegen von Niels.

TEILNEHMER
Mehr als die Hälfte der Startenden sind Kinder und Jugendliche.

 

Cirstin Reibling hilft bei den „Milchzahnathleten“ – und wo immer es gerade benötigt wird. Daneben muss sie Sohn Fiete und seinen Bewegungsdrang im Zaum halten. Um die Mittagszeit kündigt sich erst andeutungsweise an, was für ein Trubel schon wenig später auf dem Marktplatz herrschen wird. Teamwork unter Helfern: Im Dinokostüm ist Jörg Reibling nur eingeschränkt selbständig – und das beginnt schon beim Anziehen. Alle Stände stehen, die Hüpfburg auch, das Zielbanner ist gespannt: Das bunte Treiben kann beginnen.

Großandrang bei den Kleinsten: 270 Vorschulkinder tragen sich für Wusel- und Zwergenlauf ein – zusammen fast so viele wie beim Hauptlauf mit Niels Bubel.

Der sportliche Höhepunkt für Familie Reibling: Sohn Fiete, rechts in hellblau, startet in seinen Zwergenlauf. Wenig später heißt es für Mutter Cirstin bittere Tränen trocknen: Fiete biegt falsch ab, schafft es nicht ins Ziel. Ihr älterer Sohn Christoph hat die Leichtathletik aufgegeben, seine neue Liebe ist der Fußball. Den Streckenposten gibt er heute trotzdem gern – und tröstet auch mal entkräftete Nachwuchsathleten.

Jede eine Siegerin, jeder ein Gewinner: Bei den Kinderläufen erhalten alle Athleten eine Medaille …

… und eine Trinkflasche mit dem neuen Logo des Märkischen Viertels.
Gefüllt, natürlich.
 

Niels Bubel weiß, welche Arbeit dahinter steckt, eine Strecke auszumessen und zu markieren: Er organisiert mit seinem Trainer einen jährlichen Lauf für Menschen mit Behinderung.

Streckenplan: Namen von Streckenposten werden aufgeklebt: Feinsäuberlich werden die Streckenposten für den Hauptlauf zugeteilt. Sobald sie ihre Positionen bezogen haben – geht der Hauptlauf los.

So mancher „Zwerg“ hat seinen persönlichen Höhepunkt da schon hinter sich: Die Milchzahnathleten brennen für ihr Maskottchen.

Ein Volksfest im Märkischen Viertel

Es duftet nach Bratwurst, Ballons steigen und platzen, Kinder laufen durcheinander. Für viele hier ist das begleitende Volksfest mindestens ebenso wichtig wie die Läufe. So auch für Familie Reibling: Der 4-jährige Fiete läuft im „Zwergenlauf“, da sind sie alle: der 15-jährige Christoph als Streckenposten, Mama Cirstin hilft beim Kinderfest. Das strengste Programm hat Papa Jörg: Aufbau, Abbau, Streckenposten auch er – und Maskottchen für die Kinderläufe, in einem riesigen Dinosaurierkostüm.

Um 16 Uhr der erste Startschuss: Die ein- bis vierjährigen „Milchzahnathleten“ laufen eine Runde um den Marktplatz: an Mamas Hand, auf Opas Schulter, im Kinderwagen, wunderbares Gewusel. Eine Medaille bekommen alle, wichtiger ist manchem Kind ein Handshake mit dem Dino.

30 Minuten vorbei. Im Zielbereich läuft die Zeit, gnadenlos, digital und gut sichtbar. 31 Minuten.
Jetzt muss er kommen, soll der Rekord fallen. Niels’ Mama reckt den Hals. Da: Das Begleitfahrrad taucht
aus dem Halbdunkel auf, dann das gelbe Trikot, Startnummer 213. Trommeln setzen ein, der Speaker sucht hektisch nach seinen Notizen. Er ist es, immer noch leichtfüßig – und schnell. Niels' Gesichtszüge lockern sich, die Runde um den Marktplatz ist reine Euphorie. 31 Minuten, 43 Sekunden. Geschafft, Streckenrekord. Abklatschen mit dem Trainer, die Umarmung der Mutter. Der Schweiß läuft aus jeder Pore.

„So ab Kilometer 6 oder 7 kommt die Anstrengung, aber wenn man dann als Führender auf das Märkische Viertel zuläuft, und man weiß, da vorne ist das Ziel – das ist das ultimative Laufgefühl.“
Niels Bubel

Schnellstarter: Gleich zu Beginn holt Niels Bubel einige Meter Vorsprung heraus.

Bei Niels’ Tempo ist die Strecke ohne Wassernachschub zu bewältigen. Für viele Läufer/innen gehört die Erfrischung bei Rennhälfte zu den Höhepunkten des Laufs.

Im Zielbereich halten Trommelklänge die Spannung unter den Zuschauern aufrecht.

Auf der langen Geraden zwischen Kilometer 6 und 8 kann Niels Bubel richtig Tempo machen: Mit etwa 25 km/h rauscht er an Streckenposten Jörg Reibling vorbei.

Mutter Bubel ist vorsichtig optimistisch: Unterwegs sah Niels gut aus. Kann er sein Tempo bis ins Ziel durchhalten?

Bewegung unter den Zuschauern: „Guck, da vorne kommt jemand!“ Ist es Niels Bubel – und was sagt die Zeit?

Am Ziel: Begleitet vom Führungsfahrrad trifft Niels Bubel wieder im Märkischen Zentrum ein. Völlig verschwitzt, aber euphorisiert: Rekord! Zum Ende hat er sogar noch einige Sekunden Reserve.

Diesen Sieg hatte Niels auf sicher: Seine Mutter konnte ihn dank ihrer Ortskenntnis an drei verschiedenen Stellen anfeuern – und dennoch rechtzeitig als erste Gratulantin im Ziel sein.

Sieger/innen sind sie alle: Jede/r Läufer/in wird im Ziel gefeiert.

In insgesamt 14 Alterskategorien gibt es Sieger/innen zu beklatschen – auch Walker und Handbiker sind angetreten. Der älteste Teilnehmer (und Sieger) ist 81 Jahre alt. Respekt!

Das Fazit des Tages: Ein äußerst stimmungsvoller Laufabend bei bestem Wetter – und eine beeindruckende Vorstellung des Siegers wie der Helfer.

Langsam löst sich die Anspannung: Bald ist Feierabend für die helfenden Hände – bis zur 29. Straßenlaufnacht in 2015. Die meisten werden aber schon vorher wieder irgendwo mit anzupacken wissen.

Die neue Rekordzeit