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Tatjana Hernandez Steinbach und ihre Tochter Keira

Mit allen Sinnen

Text
Hannes Alpen
Fotografie und Video
Jakob Schnetz, Fernando Gutierrez, Lela Ahmadzai

Direkt an die Hochhäuser des Märkischen Viertels grenzt das Naturschutzgebiet Lübars. Hier steht auf dem Gelände einer alten Fasanerie seit den 1980er Jahren die Familienfarm Lübars. 2014 hat das Elisabethstift die Trägerschaft übernommen und bringt neue Angebote und neues Leben auf die Farm.

Tatjana Steinbach und ihre Tochter Keira kommen aus Bolivien und wohnen seit eineinhalb Jahren im Märkischen Viertel. Heute wollen sie die angrenzende Familienfarm Lübars erkunden. Dafür haben sie sich den Brotback-Workshop von Hofschullehrer Reinold Kahlki ausgesucht. Brot backen wie in alten Zeiten, im Lehmofen des eigenen Backhauses, Tatjana und Keira sind gespannt.

Tatjana Steinbach stammt von einem deutschen Naturforscher ab, der 1904 nach Bolivien ausgewandert war, um die dortige Flora und Fauna zu studieren. Sie besitzt beide Nationalitäten. 2013 entschloss sie sich, wie auch schon ihre drei Brüder, nach Berlin zu ziehen. Zwei ihrer drei Brüder wohnen auch im Märkischen Viertel, sie fühlt sich zu Hause.

„Als ich nach Berlin kam, hatte ich die Wahl, in die Innenstadt zu ziehen oder ins Märkische Viertel. Ich fand es hier viel besser für meine Tochter.“
Tatjana Hernandez Steinbach

Brot backen wie in alten Zeiten

Reinhold Kahlki ist seit 1990 Hofschullehrer auf der Familienfarm. Er ist im Märkischen Viertel aufgewachsen und verfolgte zunächst eine gewöhnliche Laufbahn als Geschichts- und Biologielehrer. Ihn motiviert, dass er auf der Familienfarm keinem strikten Lehrplan folgen muss, und dass die Kinder, die zu ihm kommen, freiwillig da sind. Als er als Lehrer auf die Farm kam, besuchte er zunächst eine Reihe von Landwirtschafts- und Heimatmuseen, um sich alte Kulturtechniken anzueignen. Seither bringt er Kindern und Jugendlichen Wollespinnen, Butterschlagen und Brotbacken bei.
Zunächst geht es zum Anheizen des Feuers ins Backhaus. Auch Tatjana und Keira helfen mit, bis das Feuer im Ofen hell lodert. Dann geht es über den Hof in die Hofschule, wo Hofschullehrer Kahlki alles für das Ansetzen des Teigs vorbereitet hat. Auf einer Tafel ist das Rezept liebevoll aufgemalt. Zunächst soll eine „Grundsuppe“ aus Wasser, Hefe und einer Prise Zucker entstehen, dann kommen das Mehl und etwas Salz dazu.

„Ich bin als Kind auf einen Bauernhof verschickt worden. Das Spannende daran war, dass ich dort mit meinen Händen und meinem ganzen Körper arbeiten konnte.“
Reinhold Kahlki
„Ich freue mich immer, wenn Kinder mit Begeisterung dabei sind, ihre Umgebung vergessen und ganz im Augenblick leben.“
Reinhold Kahlki

Reinhold Kahlki möchte Kindern und Jugendlichen aus dem urbanen Raum die Möglichkeit geben, Dinge mit allen Sinnen zu erfahren. Den klebrigen Teig kneten, dem Knistern des Feuers lauschen, die Wärme spüren und den Duft des frischen Brotes riechen. Das sind grundlegende Erfahrungen, die einen prägen können, so wie Kahlki selbst, als er als Kind in den Ferien auf einem Bauernhof war.

Keira und Tatjana haben ihren Teig ordentlich geknetet und in Brotform gebracht. Nachdem der Teig eine Weile gezogen hat, geht es zum Backhaus. Kahlki öffnet den Ofen und kehrt die heiße Glut aus. Mit einem nassen Putzlappen wischt er den Ofen aus. Es pufft und dampft. Dann reichen Keira und Tatjana die Brotlaibe auf einen Schieber und Kahlki platziert sie behutsam im Ofen. Nun heißt es abwarten.

Spaziergang über den Hof

Als Berlin noch von der Mauer umschlossen war, hatten die Hauptstädter wenig Möglichkeiten raus ins Grüne zu fahren, erzählt Hofleiterin Katrin Kremm. Der Hof neben dem Märkischen Viertel sollte den Berlinern genau das ermöglichen. So entstand in den 1980er Jahren die Familienfarm Lübars. Zuvor war auf dem Hof lange Zeit Schweinemast betrieben worden. Aber der Hof hat noch eine sehr viel längere Tradition. Bereits König Friedrich II. soll auf dem Gelände eine Fasanenzucht eingerichtet haben, daher der Name, „Alte Fasanerie“, den die Farm noch heute trägt.

„Die Familienfarm soll ein Begegnungsort für das Märkische Viertel sein – und für ganz Berlin.“
Katrin Kremm

2014 übernahm das Elisabethstift die Trägerschaft der Farm. Das Elisabethstift ist eine Kinder- und Jugeneinrichtung im Diakonischen Werk und betreibt unter anderem eines der ältesten Kinderheime in Berlin. Katrin Kremm, die neue Hofleiterin, möchte den Hof auch dazu nutzen, Eltern, deren Kinder im Elisabethstift untergekommen sind, eine neue Struktur zu geben. Sie können auf dem Hof helfen und sollen über einen strukturierten Arbeitsalltag zurück in eine geregeltes Leben finden. Der Hof soll Ausflugziel und Begegnungstätte sein. Dafür hat das Elisabethstift viel getan. Das Restaurant wurde komplett renoviert und ein Indoorspielplatz eingerichtet. Im Zentrum des Hofs entsteht eine Kita. Auch der Landwirtschaftsbetrieb wurde angekurbelt und neue Tiere wie die Zwergziegen und die Skuddenschafe angeschafft.

Das Brot ist fertig

Noch sind die Brote sehr heiß. Vorsichtig riechen die beiden am duftenden Brot. Dann bricht Tatjana ein erstes kleines Stück ab und probiert. Lecker! Sie haben es geschafft, ihr erstes selbst gebackenes Brot.

Tatjana freut sich darüber, dass sie ihrer Tochter derartige Erlebnisse bieten kann, so dicht neben ihrem Zuhause. „Es ist einfach etwas ganz Besonderes, einmal sein eigenes Brot zu backen, und zu wissen, dass es ganz ohne Zusätze und Chemikalien gebacken wurde“, sagt sie. Sie werden bestimmt wiederkommen, um die Tiere anzugucken und vielleicht das nächste Mal, um Wolle spinnen zu lernen.

„Kinder, die neugierig sind und gar nicht so schnell fragen können wie ihnen die Fragen im Kopf auftauchen. Das hat etwas Erfüllendes.“
Reinhold Kahlki